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Selbstständig, Frau, Mutter

Selbstständige arbeiten mehr als Angestellte, verdienen aber weniger. Immer mehr Frauen machen sich selbstständig. Unternehmen, die von Frauen gegründet wurden, überleben eher als jene, die von Männern gegründet wurden. Selbstständige sind zufriedener mit ihrer Arbeit als Angestellte. Über die Hälfte der gegründeten Firmen existiert nach fünf Jahren nicht mehr.

Wenn sich Karriere und Familie im bisherigen Angestelltenverhältnis nicht vereinbaren lassen, gründen immer mehr Frauen ihre eigene Firma. Mompreneurs. Selbstständige Mütter können sich die Arbeitszeit frei einteilen und von zu Hause aus arbeiten. Mütter erstellen einen Onlineshop – und verkaufen Backwaren, Kinderkleider und Dekoartikel.

Und dann noch: Selbst und ständig. Solche und ähnliche Aussagen lese ich immer wieder in den Medien.

Sich selbstständig machen, «sein eigenes Ding durchziehen» und als Mompreneur Familie und Job nebeneinander jonglieren – das alles ist gerade schwer angesagt und wird auch immer mehr in den Medien thematisiert.

Ich bin also gerade sehr modern.

Doch wie ist es wirklich, die Selbstständigkeit und das Dasein als Mompreneur? Was muss man wissen, was beachten? Ein paar Erfahrungen und Tipps von mir.

Firma gründen

Kürzlich hat mich ein Freund gefragt, ob ich ihn beraten könne; er plane, sich selbstständig zu machen. Also habe ich ihn zum Löntsch getroffen und mit Insiderwissen und Fachbegriffen um mich geworfen.

Eine Firma gründen ist in der Schweiz nicht allzu schwer – rein rechtlich gesehen. Grob gesagt gibt es drei mögliche Rechtsformen für Gründer: Die Einzelfirma, die GmbH und die AG.

Die einfachste Art ist die Einzelfirma, eigentlich braucht man nur anfangen zu arbeiten und schwupps, schon ist man eine Einzelfirma. Für eine Einzelfirma braucht es kein Startkapital (rechtlich gesehen, davon ausgenommen natürlich Investitionen je nach Firma), der Inhaber haftet persönlich mit seinem Privatvermögen. Die Einkünfte aus einer Tätigkeit als Einzelfirma werden in der privaten Steuererklärung angegeben, über die Ausgleichskasse werden Sozialabgaben an die AHV etc. gemacht. Da die Einzelfirma stark an den Gründer gebunden ist, muss sein Familienname auch im Firmennamen enthalten sein.

Für die Gründung einer GmbH und einer AG braucht es ein bestimmtes Startkapital (ab 20 000 CHF für eine GmbH, ab 100 000 CHF für eine AG) und in beiden Fällen ist man als Inhaber nur noch beschränkt haftbar und füllt eine separate Steuererklärung als juristische Person aus.

Wichtig bei allen drei Rechtsformen ist, dass man sich über seine Rechten und Pflichten sowie über Vor- und Nachteile der gewählten Rechtsform gut informiert. DIE richtige Rechtsform gibt es nicht, die Wahl hängt von der persönlichen Situation und Firmenausrichtung ab.

Mehr Informationen sowie Beratung zur Firmengründung gibt es bei startups.ch.

USP finden

Meinen Kunden predige ich, dass sie wissen müssen, wer sie sind, was ihr Angebot ausmacht, was ihre Ziele und Zielgruppen sind – aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schwierig das ist.

Die Frage «was machst du denn genau?» wird mir gefühlt zwanzig Mal pro Woche gestellt und immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich unbeholfen herumstammle. Wie ich meinen Elevator-Pitch – in der Dauer einer Liftfahrt erklären, was ich mache – nicht im Griff habe. «Finde deine Nische» steht in grossen Lettern auf Buchcovers und in Blogs. Ich weiss nicht immer genau, wo mein Fokus ist und würde mein Angebots-Portfolio auf der Website am liebsten täglich neu formulieren.

Das ist schlimm und immens katastrophal, aber ich fürchte, dass es auch einfach Teil der Selbstständigkeit ist und insbesondere am Anfang dazu gehört. Sich selbstständig machen ist ein Prozess und man wächst in vielen Belangen mit seinen Aufgaben.

Mein Tipp: Immer wieder über die Bücher gehen und die eigene Ausrichtung, die USP, die Nische hinterfragen, (neu) definieren, anpassen und immer klarer werden.

Der Beitrag von Annika Lamer zu ihrem 5-jährigen Jubiläum passt da ganz gut.

«Frau Unternehmerin» sein

Ist es speziell, als Frau eine Firma zu gründen und selbstständig zu sein? Ich weiss es nicht; da ich nie ein Mann war, fehlt mir da der direkte Vergleich. Wenn ich mit anderen Selbstständigen spreche, ähneln sich Lust und Frust sehr – egal ob Mann oder Frau. Dennoch scheint es ein grosses Ding zu sein, «Shepreneur» zu sein, zumindest wenn ich all den Blogs, Zeitungsberichten und Facebook-Gruppen Glauben schenke.

Was cool dabei ist: Frauen kriegen als «arbeitende» Menschen Aufmerksamkeit, Frauen vernetzen sich, weibliche Eigenschaften werden gelobt und geschätzt.

Was nicht so cool ist: Wenn jemand zu meiner Selbstständigkeit sagt «Ah läss und dein Mann verdient ja auch genug.» Ist irgendwie nicht die Idee. Aber da schau ich mal locker drüber hinweg. Und ich finde es 2016 in der Schweiz auch nicht so toll, wenn Frauen, die sich im Beruf engagieren, als Exotinnen dargestellt werden. Wäre bei einem Mann ja auch nicht so, oder?

Geld verdienen

(Allzu) oft wird mit Selbstständigkeit und insbesondere dann, wenn Frauen, insbesondere Mütter, sich selbstständig machen, das Motto «Geld ist nicht alles» verbunden. Selbstständige machen ihr Hobby zum Beruf, verdienen dann zwar nichts, sind aber super happy. Mütter vertreiben sich die viele freie Zeit (haha) mit dem Betreiben eines Online-Shops mit gehäkelten Babymützen.

Selbstständig sein heisst unternehmerisch denken. Und dazu gehört, dass man mit seiner Tätigkeit Geld verdient. Einen anständigen Stundenansatz verlangt, seine Ausgaben im Griff hat, sich seines Wertes bewusst ist, seine Kosten decken kann und sich einen Lohn auszahlen kann.

Ja, dieser Lohn ist unter Umständen kleiner als im Angestelltenverhältnis und es gibt Dinge, die das aufwiegen. Ja, manchmal muss anfangs investiert werden, um später etwas zu bekommen. Aber dennoch sollte Selbstständigkeit nicht als Hobby, sondern als Job konzipiert sein.

Selbstständig und Mutter sein

Offenbar haben unzählige Frauen nach der Geburt ihres ersten Kindes einen immensen Kreativ-Schub und sind voller Energie. Diese Frauen können dann fast nicht anders, als sich selbstständig zu machen.

Etwas weniger werbewirksam sind jene Frauen, die übernächtigt und unmotiviert versuchen, ihr eigenes Business trotz Kinder irgendwie am Leben zu halten.

(Wer herausfindet, zu welcher Gruppe ich gehöre, gewinnt ein Meet&Greet mit mir in einem Zürcher Café inkl. Latte Macchiato auf meine Kosten. Ich freue mich auf die Mails).

Neben dem positiven Effekt auf die Kreativität profitieren Mompreneurs auch von der zeitlichen Flexibilität und der Möglichkeit des Home Office. Im Idealfall arbeitet die Mutter dann konzentriert am Computer, während der Nachwuchs daneben zufrieden mit seinen Bauklötzen spielt. Beim Meeting nimmt Mami den süssen Kleinen einfach mit und wenn er abends einschlummert, bereitet sie noch die Kundenpräsentation vor.

Mein Sohn würde wohl eher auf meiner Compi-Tastatur herumpoltern und dem Projektleiter im Meeting die Brille von der Nase klauen. Wenn er abends nach grossem Terz einschläft, haut es mich meistens auch erschöpft in die Kissen. Und Homeoffice ist so gar nicht mein Ding, sogar wenn mein Sohn ausser Haus betreut wird. Zu viel Ablenkung, zu schnell fällt mir das Dach auf den Kopf.

Trotzdem würde ich sagen, dass die Selbstständigkeit für Mütter eine gute Option ist, denn sie bietet einfach mehr Möglichkeiten, um Beruf und Familie zu kombinieren. Ganz einfach, weil zwei Parteien wegfallen, mit denen man sich abstimmen muss: Die Arbeitskollegen und die Vorgesetzten. Wenn auf deren Bedürfnisse nicht eingegangen werden muss, bleibt mehr Raum, um den für sich optimalen Weg der Vereinbarkeit zu finden.

Zufrieden sein

Tatsächlich bin ich als Selbstständige sehr zufrieden und viel zufriedener als ich als Angestellte war. Wie viele andere Selbstständige  mag ich es, dass ich selber entscheiden kann, wann ich arbeite, wo ich arbeite, wie ich arbeiten und mit wem. Natürlich wird diese Freiheit immer wieder durch äussere Umstände eingeschränkt (meine Kunden haben Bedürfnisse, meine Familie, die Internetverbindung ist nicht überall gut etc.), aber dennoch ist diese Freiheit bei Selbstständigen grösser als bei Angestellten.

Zufrieden macht mich auch die Tatsache, dass ich in meiner Selbstständigkeit sehr viel lerne – fachlich wie persönlich.

Und Sie?

Wie sieht es bei Ihnen aus? Sind Sie selbstständig oder wären es gerne? Sind Sie Mutter oder Vater und haben ein eigenes Unternehmen? Mich interessieren Ihre Erfahrungen und Tipps. Ab in die Kommentare damit!

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin Mami und zu 70% angestellt und mega happy. Ich habe ein super Frauen-Team (mit und ohne kinder), eine kinderlose aber familienfreundlich eingestellte Chefin und arbeite für ein familienfreundliches Unternehmen. Egal ob Mann oder Frau. Auch das gibt es und sollte man auch mal erwähnen.

    Antworten

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und die Ergänzung.

      Herzlich, Karin

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